Obwohl der Lavendel eine Pflanze des Mittelmeerraumes ist, wird er von den antiken Autoren kaum beachtet. Dioskurides geht nur auf den Stoechas‑Lavendel oder Schopflavendel ein (Lavandula stoechas L.). Im Mittelalter, wie uns etwa Odo Magdunensis in seinem ‚Macer floridus’ zeigt, zählte man auch die Echte Narde hinzu, die eigentlich ein Baldriangewächs ist. Trotzdem scheint der Lavendel eine Entdeckung der Klosterheilkunde zu sein. Hildegard von Bingen beschreibt unter dem Namen „Lavandula“ den echten Lavendel, rät jedoch von einer innerlichen Einnahme ab. Sie rühmt sein starkes Aroma und empfiehlt ihn für eine Anwendung gegen Läuse. Noch heute werden Lavendelsträuße gegen Ungeziefer wie Motten und für einen guten Geruch der Kleidung in die Schränke gehängt.

Die Wirkungsqualitäten werden in der Klosterheilkunde als wärmend und trocknend beschrieben. Hierdurch erklärt sich die Verwendung bei Schmerzen und Blähungen im Magen- und Darmbereich sowie der Einsatz gegen übermäßige Monatsblutung. Interessant ist der Hinweis auf die beruhigende Wirkung bei Odo Magdunensis; die frühere Annahme einer „Erregung der Liebeskraft“ ist kulturgeschichtlich, nicht pharmakologisch zu werten.

Herkunft und Anbau

Ursprünglich stammt der Lavendel aus dem westlichen Mittelmeergebiet, wo er immer noch in großem Umfang angebaut wird. Berühmt sind die Lavendelfelder der französischen Provence, aber auch in Spanien gibt es große Kulturen, inzwischen auch in Südosteuropa. Lavandula angustifolia wächst häufig in höheren Lagen; in tieferen, wärmeren Lagen kommt es zu Kreuzungen mit dem Speik‑Lavendel (Lavandula latifolia).

Vom Lavendelstrauch werden hauptsächlich die Blüten (Lavandulae flos) verwendet. Sie werden getrocknet, oder das ätherische Öl (Lavandulae aetheroleum) wird unmittelbar nach der Ernte durch Wasserdampfdestillation aus den blühenden Spitzen gewonnen.

Inhaltstoffe

Lavendel zählt zu den Lippenblütlern (Lamiaceae). Das echte Lavendelöl enthält als Hauptkomponenten die Monoterpene Linalylacetat und Linalool; ferner kommen u. a. 1,8‑Cineol, Terpinen‑4‑ol, Lavandulol und Lavandulylacetat vor. In den Blüten finden sich außerdem milde Lamiaceen‑Gerbstoffe (u. a. Rosmarinsäure) sowie Flavonoide und Cumarine.

Anwendungen

Nach HMPC (EMA, 2012) gelten Lavendelblüten (Lavandulae flos) und Lavendelöl (Lavandulae aetheroleum) als traditionelle pflanzliche Arzneimittel zur Linderung leichter Symptome von mentalem Stress und Erschöpfung sowie zur Unterstützung des Schlafs (Monographien vom 27.03.2012). Für Lavendelöl wird für die orale Anwendung eine Tagesdosis von 20–80 mg angegeben; als Badezusatz 1–3 g je Vollbad. Die Anwendung bei Kindern unter 12 Jahren sowie in Schwangerschaft und Stillzeit wird mangels ausreichender Daten nicht empfohlen; Müdigkeit kann die Verkehrstüchtigkeit beeinträchtigen (HMPC).

Zur klinischen Evidenz: Randomisierte Studien mit 80 mg standardisiertem Lavendelöl zeigen eine signifikante anxiolytische Wirkung bei subsyndromaler Angst, gemischten Angst‑Depressionszuständen und generalisierter Angststörung; Metaanalysen bis 2023/2024 bestätigen die Wirksamkeit und gute Verträglichkeit (z. B. Dold 2023; Kasper 2024). Diese Daten stützen die traditionelle Verwendung, ersetzen sie aber regulatorisch nicht.

Für Verdauungsbeschwerden (Blähungen, leichte Krämpfe) liegen vor allem traditionelle Angaben vor; belastbare klinische Daten sind begrenzt. Äußerlich ist Lavendelöl in HMPC als Badezusatz beschrieben; Angaben zum unverdünten Auftragen auf die Haut macht HMPC nicht.