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Fünf Jahre Würzburger Forschergruppe Klostermedizin
Als 1999 die Gründung der Forschergruppe Klostermedizin an der Universität Würzburg bekannt gegeben wurde, waren die Reaktionen geteilt. Während Medien und Publikum neugierig und interessiert waren, stieß das Projekt bei Fachleuten auf zurückhaltende Skepsis. Bis dato gab es in diesem Kontext nur die "Hildegard-Medizin" und die "Apotheke Gottes" von Maria Treben. Die Forschergruppe konnte aber in den vergangenen Jahren zeigen, dass unter dem Stichwort "Klostermedizin" interessante und wissenschaftlich seriöse Arbeit geleistet werden kann, die auch in Bezug zu aktuellen Entwicklungen auf dem Phytopharmaka-Markt steht.
Medizingeschichte und Pharmazeutische Biologie in Würzburg: Prof. Keil und Prof. Czygan
Schwerpunkt der Würzburger medizinhistorischen Schule um Prof. Keil ist das Mittelalter. Die Geschichte der Phytotherapie spielt dabei eine wichtige Rolle. Eine kompetente Forschung auf diesem Gebiet wurde durch die enge Zusammenarbeit vor allem mit Prof. Dr. Dr. h. c. Franz-Christian Czygan aus der Pharmazeutischen Biologie in Würzburg möglich.
Keil und Czygan verbindet das medizinische und pharmazeutische, aber auch ein wissenschafts- und kulturhistorisches Interesse an Arzneipflanzen. Das in diesem interdisziplinären Ansatz liegende Potential wurde von beiden früh formuliert.
Arzneipflanzen und Geschichte
In der Phytotherapie spielte die historische Dimension schon immer ein besondere Rolle: So schickten Otto Brunnfels und Hieronymus Bock ihren großen Kräuterbüchern aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts umfangreiche Darstellungen der Geschichte der Phytotherapie voraus, aber auch Alexander Tschirch zählte in seinem zweibändigen 'Handbuch der Pharmakognosie' (1909-12) die Geschichte der Heilpflanzen zu den zentralen Wissenschaftszweigen der "Pharmakognosie".
Diese Bedeutung setzt sich in unseren Tagen fort: Die traditionelle Anwendung als gesonderte Zulassungsmöglichkeit steht genau auf dieser Linie. Allerdings versteht der Historiker die Tradition etwas anders als der Praktiker oder auch der Gesetzgeber. Der Verbraucher schließlich wird wieder ein anderes Zeitgefühl haben. Über die 30 Jahre Anwendungserfahrung dürfte er eher enttäuscht sein. Von Großmutters Hausapotheke zurück in Epochen, mit denen sich ein Historiker beschäftigt: diese Formulierung trifft seine Idee von Tradition wohl am besten.
Die Würzburger Forschergruppe Klostermedizin
1999 wurde die Forschergruppe Klostermedizin als ein gemeinsames Projekt des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg und des Arzneimittelherstellers Abtei gegründet. Insgesamt sechs Promotionen, die zum Teil in Kooperation mit Prof. Holzgrabe (Pharm. Chemie, Univ. Würzburg) betreut werden, behandeln derzeit Fragestellungen, die von der Gruppe entwickelt wurden und dem Programm des Projekts entsprechen.
Die Motive von Abtei
Bereits seit 100 Jahren nutzt Abtei, heute zum Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline gehörend, das medizinische Klosterwissen zur Herstellung moderner Arzneimittel. Als Vermittler zwischen Erfahrungsmedizin und heutiger Therapieanforderung möchte man dabei entschieden der unreflektierten Übernahme des alten Wissens in vermeintlich alternative Heilverfahren entgegenwirken.
Das Programm
Ziel der Kooperation ist es, die Bedeutung einer Heilpflanze im Kontext der jeweiligen Zeit zu analysieren und die sich daraus ergebenden Bilder miteinander zu vergleichen. Solche Studien können kulturell bedingte Veränderungen hinsichtlich des therapeutischen Einsatzes einer Pflanze aufdecken, an vergessene Indikationsgebiete erinnern - und damit der Grundlagenforschung nach medizinisch wirksamen Pflanzeninhaltsstoffen neue Impulse geben.
Der Begriff "Klostermedizin" wurde dabei aus mehreren Gründen Programm. Zum einen geht es um eine medizinhistorische Epoche mit einer monopolartigen Stellung der Klöster nicht nur im Gesundheitswesen, die bis heute viel zu wenig bearbeitet wurde. "Klostermedizin" versinnbildlicht zum anderen die interdisziplinäre Fragestellung: medizinhistorisch, kultur- und ordensgeschichtlich. Und schließlich traf es sich auch noch gut, dass der Industriepartner bereits im Namen daran partizipiert.
Die Epoche der Klostermedizin
Die Epoche der Klostermedizin ist der "Trichter", durch den das antike Wissen über Arzneipflanzen bis in unsere Zeit transferiert wurde. Und sie ist die Grundlage der großen Kräuterbücher der frühen Neuzeit, deren Inhalt bis in die Volksmedizin unserer Zeit wirkt. Ohne Kenntnis der Klostermedizin fehlt ein wichtiger Baustein, ohne den das Verfolgen historischer Entwicklungen und Bezüge zum Status quo nicht möglich sind.
Grundlagenforschung und Auftragsarbeit
In den zurückliegenden Jahren wurde einerseits eine Vielzahl von Pflanzenporträts erarbeitet, darunter Baldrian, Hopfen, Johanniskraut, Melisse, Calendula, Arnika und Mönchspfeffer; andererseits wurde zugleich eine Datenbank entwickelt. Sie umfasst alle Pflanzen, die in historischen Kräuterbüchern genannt werden. Mit ihr wird es möglich, auch bislang unklare Namen und Bezeichnungen zu identifizieren. Dies betrifft sowohl die Pflanzen als auch in einem zunehmenden Maß ihre Indikationsfelder.
Die dafür integrierten Dokumente gehen über die Epoche der Klostermedizin hinaus. Mehr und mehr werden auch antike und neuzeitliche Texte einbezogen. Die methodische Auswertung dieser Datenbank steht an. Dazu wird ein statistisches Verfahren entwickelt, das historische Indikationsangaben mit heute anerkannten Daten vergleicht und bewertet.
Die Forschergruppe Klostermedizin hat aber auch mit anderen Wissenschaftlern und deren Fragestellungen seit Bestehen engen Kontakt:
Es findet ein reger Austausch statt mit Projekten zur Missionsmedizin, die von Frau Dr. Anagnostou an der Marburger pharmaziehistorischen Schule bearbeitet werden, zur Ethnopharmazie, wie sie Prof. Michael Heinrich an der School of Pharmacy in London durchführt, oder auch zu pharmaziehistorischer Feldforschung, wie sie Prof. Kartnig in Graz anhand der Klosterapotheken Österreichs etabliert hat.
Datenbank
Die historischen Werke zur Phytotherapie des Mittelalters und der frühen Neuzeit werden daraufhin überprüft, ob die aufgeführten Indikationen tatsächlich auf Erfahrungswissen basieren, oder ob die Kräuterbücher Anweisungen überliefern, die lediglich theoretischen Überlegungen aus der Viersäftelehre entsprechen, oder wieweit sie aus anderen Traditionen oder aus Aberglauben stammen. Zu diesem Zweck sollen die Indikationen der einschlägigen Werke mit denjenigen aus ,Hagers Handbuch der Pharmazeutischen Praxis' verglichen werden, und zwar nach einem festgelegten System, so dass die Einzelergebnisse statistisch ausgewertet werden können.
Weil die Aufbereitungsarbeit der Kommission E des Bundesgesundheitsamtes (BGA) 1994 durch die 5. Novellierung des Deutschen Arzneimittelgesetzes abgebrochen wurde, muss der Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis für nicht monographierte Drogen anhand der aktuellen Literatur überprüft werden. Deshalb wurde auf ,Hagers Handbuch' als internationales umfangreiches Nachschlagewerk zurückgegriffen.
Ziel ist also, herauszufinden, inwieweit die historischen Indikationen auf nachvollziehbaren Erfahrungen beruhen oder inwieweit traditionelle Aussagen einfach abgeschrieben wurden. Ein zweites Ziel ist die Offenlegung der Traditionswege der so genannten volkstümlichen Anwendungen. Der Vergleich erfolgt abgestuft anhand von vier Kategorien:
- Eine nahezu exakte Entsprechung der wörtlichen Indikation der historischen Texte mit den durch die Monographien der Kommission E bzw. entsprechende wissenschaftliche Literatur vorgegebenen Indikationen wird
- sichtbar.
- Eine grobe Übereinstimmung der Indikationen im weiteren Anwendungsbereich ist gegeben.
- Die Indikationen können über pharmakologische oder medizinische Überlegungen in Zusammenhang gebracht werden.
- Eine symptomatische Wirkung ist ableitbar.
Beispiel Alluna
Neben dieser allgemeinen Grundlagenforschung bearbeitet die Gruppe auch konkrete Fragestellungen des Projektpartners. So sollte die Produktentwicklung des ersten apothekenexklusiven Abteiprodukts Alluna, eines Hopfen-Baldrianspezialextrakts, frühzeitig begleitet werden. Dabei entstanden umfangreiche Monographien zur historischen Anwendung der beiden Pflanzen sowie ein Kompendium alter Gesundheitsregeln zum gesunden Schlaf, die in Kooperation mit Prof. Zulley (Univ. Regensburg) zusammengetragen wurden.
Quo vaditis, Phytopharmaka
Die Arzneimittelgruppe der Phytopharmaka umfasst Nahrungsergänzungsmittel und sonstige freiverkäufliche Präparate, apothekenexklusive und apothekenpflichtige Arzneimittel. Die unterschiedlichen nationalen und europäischen Zulassungsverfahren komplizieren die derzeitige Situation auf dem Pharmamarkt noch weiter. Niemand weiß momentan, wohin die Reise gehen wird.
Umso wichtiger ist es, dass gerade in dieser schwierigen Phase intensive Studien wie die der Forschergruppe Klostermedizin der Universität Würzburg weiter durchgeführt und noch intensiviert werden.
Die Forschergruppe Klostermedizin auf einen Blick
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